Sammlung der Entscheidungen des Schweizerischen Bundesgerichts
Collection des arrêts du Tribunal fédéral suisse
Raccolta delle decisioni del Tribunale federale svizzero

BGE 84 II 202



84 II 202

29. Urteil der II. Zivilabteilung vom 8. Mai 1958 i.S. Meier gegen
Elektrische Bahn Stansstad-Engelberg

AG Regeste

    Eisenbahnhaftpflicht, Verjährung. Die Ansprüche gegen die
Bahnunternehmung aus Bahnunfällen verjähren nach der hierfür
ausschliesslich massgebenden Vorschrift von Art. 14 Abs. 1 EHG in zwei
Jahren vom Tage des Unfalls an, selbst wenn sie mit Unfallfolgen begründet
werden, von denen der Verunfallte erst nach Ablauf dieser Frist Kenntnis
erhalten hat. Unterbrechung der Verjährung durch Betreibung oder Ladung
zu einem amtlichen Sühnversuch (Art. 14 Abs. 2 EHG, Art. 135 Ziff. 2 OR).

Sachverhalt

    A.- Am 15. August 1949 stiess das von Eugen Meier geführte Personenauto
auf einem unbewachten Bahnübergang in Stansstad mit einem Motorwagen der
StansstadEngelberg-Bahn zusammen. Die Ehefrau und der dreijährige Sohn
Meiers fanden dabei den Tod. Meier selber und seine sechsjährige Tochter
Myrtha erlitten zahlreiche Verletzungen.

    Mit Urteil vom 31. Januar 1951 verurteilte das Kantonsgericht Nidwalden
den Führer des Motorwagens wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger
Körperverletzung und fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs
zu einer Geldbusse von Fr. 50.-, sprach Meier, der wegen der gleichen
Delikte angeklagt war, mangels eines strafrechtlichen Verschuldens frei
und erkannte: "Die zivilrechtlichen Ansprüche der Geschädigten werden
gerichtlich gewahrt."

    B.- Eugen Meier und die durch ihn vertretene Tochter Myrtha liessen
die Bahngesellschaft auf den 13. August 1951 vor den Friedensrichter
von Luzern (Sitz der Bahngesellschaft) laden, wo sie das Rechtsbegehren
stellten, die Bahngesellschaft habe an Eugen Meier Fr. 100'000.-- und an
Myrtha Meier Fr. 5000.-- zu bezahlen (je nebst Zins zu 5% seit 15. August
1949). Die Beklagte erschien nicht.

    C.- Nach einem weitern erfolglosen Sühnversuch vom 23.  Dezember 1952
reichten Eugen und Myrtha Meier am 19. Januar 1953 beim Amtsgericht
Luzern-Stadt Klage gegen die Bahngesellschaft ein mit den Begehren,
die Beklagte habe an Eugen Meier Fr. 96'844.13 und an seine Tochter
Fr. 10'000.-- (je nebst Zins) zu bezahlen und die Kläger seien als
berechtigt zu erklären, auf Abänderung des Urteils zu klagen. Die
Forderung Meiers setzte sich aus den Posten Bestattungskosten,
Versorgerschaden, Heilungskosten, Verdienstausfall bis Ende 1953
(Fr. 49'555.--), Entschädigung für Erschwerung des wirtschaftlichen
Fortkommens wegen Entstellung im Gesicht und Schmerzanfälligkeit
(Fr. 15'000.--), Sachschaden und Genugtuung zusammen. Das Begehren um
Aufnahme eines Nachklagevorbehalts in das Urteil begründete er damit,
dass die wirtschaftlichen Folgen der Körperverletzung für die Jahre 1953
und folgende noch nicht mit hinreichender Sicherheit feststellbar seien:
"Sollte für das Jahr 1953 die erwartete Besserung und für die Jahre
1954 ff. eine vollständige Besserung nicht eintreten, so müsste man
sich vorbehalten, weitere Forderungen geltend zu machen." Die Beklagte
beantragte Abweisung der Klage wegen ausschliesslicher Schuld Eugen Meiers,
eventuell Herabsetzung der Klageforderung, und machte als "konnexen
Gegenanspruch" eine Schadenersatzforderung von Fr. 2268.-- gegen Eugen
Meier geltend. Einen Nachklagevorbehalt bezeichnete sie als unnötig,
weil es sicher möglich sein werde, durch eine ärztliche Expertise die
wirklichen Verhältnisse abzuklären.

    Der Sachverständige Dr. Naef kam in seinem Gutachten vom 13. Dezember
1954 zum Schluss, Eugen Meier sei vom Unfalltage bis zum 25. April 1950
voll, von da an bis Ende 1951 zu 2/3, im Jahre 1952 zu 50% und im Jahre
1953 zu 1/3 arbeitsunfähig gewesen. Eine unfallbedingte Erschwerung
des wirtschaftlichen Fortkommens sei in dem Sinne vorhanden, dass er
seine frühere Tätigkeit in der Schuhfabrik Bally habe aufgeben müssen
und dass seine Kopfschmerzanfälle auch heute noch seine Arbeitsfähigkeit,
d.h. seine Konkurrenzfähigkeit als Vertreter, beschränkten. In Beantwortung
der Frage 4, ob nach dem gegenwärtigen Zustand Meiers vom medizinischen
Standpunkt aus ein Nachklagevorbehalt gerechtfertigt sei, erklärte der
Sachverständige, der gegenwärtige Gesundheitszustand Meiers lasse eine
spätere Verschlimmerung (erhöhte Krampfbereitschaft des Nervensystems
und der Blutgefässe bei zunehmendem Alter) nicht mit Sicherheit
ausschliessen. Auf die letzte Frage, ob der Fall ihm noch zu weitern
Feststellungen Anlass gebe, antwortete der Sachverständige, Meier habe
ein sehr ausgeprägtes Krankheitsbewusstsein, das seine Leistungsfähigkeit
beeinträchtige und von dem er sich kaum befreien könne, solange seine
Ansprüche unerledigt seien; da eine weitere Besserung der organischen
Schädigung wenig wahrscheinlich sei, erachte er (der Sachverständige)
"die Abfindung auf der Grundlage der Annahme einer Dauerinvalidität von
25% für ratsam mit dem Vorbehalt der Antwort auf Frage 4". In seinem
Ergänzungsgutachten vom 17. Februar 1955 erklärte er, Meier sei während
des ganzen Jahres 1950 (also nicht bloss bis 25. April) vollständig
arbeitsunfähig gewesen, und hielt daran fest, dass ab 1. Januar 1954 eine
Dauerinvalidität von 25% anzunehmen sei.

    In seinem Urteil vom 9. Juli 1955 bezifferte das Amtsgericht
den Eugen Meier erwachsenen Schaden auf Fr. 54'820. Davon entfallen
Fr. 37'870.-- auf die Erwerbseinbusse in der Zeit vom Unfall bis Ende
1953 und Fr. 5000.-- auf die Erschwerung des wirtschaftlichen Fortkommens
(bleibende Behinderung auf dem Arbeitsmarrkt). Von diesem letzten Punkte
abgesehen, berücksichtigte das Amtsgericht die vom Sachverständigen
angenommene Dauerinvalidität bei der Schadensberechnung nicht, weil Meier
kein entsprechendes Begehren gestellt hatte. Auf Grund der Annahme, dass
vom Schaden beider Parteien aus dem Zusammenstoss 3/4 von der Bahn und
1/4 von Meier zu tragen seien, zog es von der Summe von Fr. 54'820.--
1/4 dieses Betrages (Fr. 13'705.--) sowie 1/4 des der Bahn entstandenen
Sachschadens (Fr. 567.--) ab. Als Genugtuung sprach es Meier Fr. 3000.--
zu. Demgemäss verpflichtete es die Beklagte, Meier Fr. 43'548.--
nebst Zins zu bezahlen. Seiner Tochter sprach es Fr. 2000.-- zu. Die
anderslautenden und weitergehenden Begehren der Parteien wies es ab,
insbesondere also das Begehren, in das Urteil sei ein Nachklagevorbehalt
aufzunehmen. Hinsichtlich der Erwerbseinbusse im Jahre 1953 bezeichnete
es dieses Begehren als überholt, und für die Folgezeit lehnte es einen
Änderungsvorbehalt mit der Begründung ab, dass nur ein Urteil über einen
geltend gemachten Anspruch abgeändert werden könne und Schadenersatz für
Invalidität von 1954 an nicht verlangt werde.

    D.- Eugen Meier und seine Tochter appellierten gegen dieses Urteil
an das Obergericht des Kantons Luzern, wobei sie u.a. das Begehren
erneuerten, sie seien als berechtigt zu erklären, auf Abänderung des
Urteils zu klagen. Die Bahn schloss sich der Appellation an. In der Folge
beschränkten die Kläger ihre Appellation auf den Kostenpunkt. Mit Bezug
auf den Hauptpunkt wurde die Appellation für Eugen Meier zurückgezogen,
während seine Tochter ein Vergleichsangebot der Beklagten auf Bezahlung
von Fr. 5000.-- per Saldo aller Ansprüche annahm. Am 20. März 1956
schrieb demgemäss das Obergericht die Appellation der Kläger und die
Anschlussappellation der Beklagten mit Bezug auf den Hauptpunkt als durch
Rückzug bzw. Vergleich erledigt ab und beurteilte die "Kostenappellation".

    E.- Noch vor Erledigung des eben erwähnten Appellationsverfahrens
hatte Eugen Meier der Beklagten am 14. Dezember 1955 einen Zahlungsbefehl
für Fr. 60'000.-- nebst 5% Zins seit 1. Januar 1954 zustellen lassen,
worin als Grund der Forderung angegeben war: "Dauerschaden ... aus Unfall
vom 15. August 1949 ... für die Jahre 1954 ff." Im Zahlungsbefehl war
bemerkt, die Betreibung diene zur Unterbrechung der Verjährung. Die
Beklagte erhob Rechtsvorschlag.

    F.- Nach gescheitertem Sühneversuch vom 30. April 1956 leitete Eugen
Meier gegen die Bahngesellschaft die vorliegende Klage ein, mit der
er als Entschädigung für die Nachteile aus der vom Sachverständigen Dr.
Naef in den Gutachten vom 13. Dezember 1954/17. Februar 1955 festgestellten
Dauerinvalidität von 25% ab 1. Januar 1954, die er im ersten Prozess noch
nicht habe einklagen können und die im Urteil des Amtsgerichts vom 9. Juli
1955 nicht berücksichtigt worden sei, unter Berufung auf Art. 1 ff. EHG und
Art. 41 ff. OR einen Betrag von Fr. 49, 309.-- nebst Zins verlangte. Die
Beklagte bestritt diesen Schaden und erhob die Einreden der abgeurteilten
Sache und der Verjährung. Das Amtsgericht Luzern-Stadt wies die Klage in
Gutheissung dieser letzten Einrede mit Urteil vom 29. November 1956 ab,
worauf der Kläger an das Obergericht appellierte.

    Am 3. Januar 1957 ordnete das Bundesgericht auf Begehren von
Obligationären die Zwangsliquidation des Vermögens der Beklagten an. Der
Masseverwalter entschied am 23. Mai 1957, der hängige Prozess sei seitens
der Beklagten fortzusetzen.

    Am 24. Oktober 1957 hat das Obergericht des Kantons Luzern (I. Kammer)
das Urteil des Amtsgerichts vom 29. November 1956 bestätigt.

    G.- Mit seiner Berufung an das Bundesgericht beantragt der Kläger, die
Beklagte sei zur Bezahlung von Fr. 47'309.-- nebst Zins zu verurteilen;
eventuell sei die Sache an die Vorinstanz zurückzuweisen. Die Beklagte,
der am 4. Februar 1958 eine Nachlassstundung bewilligt wurde, schliesst
auf Bestätigung des angefochtenen Urteils.

Auszug aus den Erwägungen:

              Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

Erwägung 1

    1.- Der Unfall, bei dem der Kläger verletzt wurde, hat sich beim
Betrieb einer Eisenbahn ereignet. Die Haftpflicht der Bahnunternehmungen
für die Folgen solcher Unfälle ist im Bundesgesetz betreffend die
Haftpflicht der Eisenbahn- und Dampfschiffahrtsunternehmungen und der Post
vom 28. März 1905 (EHG) geordnet. Als Sondergesetz geniesst dieses in allen
Punkten, die es nach seinem Wortlaut und seinem Sinn selbständig regelt,
gegenüber den allgemeinen Bestimmungen des OR den Vorrang. Hieran ändert
der vom Kläger hervorgehobene Umstand nichts, dass das geltende OR nach dem
EHG erlassen wurde. Ziff. I der Übergangsbestimmungen des OR vom 30. März
1911 bestimmt ausdrücklich, dass (u.a.) die Spezialgesetze betreffend
das Eisenbahn-, Dampfschiff- und Postrecht, zu denen das EHG gehört, in
Geltung bleiben, wie auch schon Art. 888 des alten OR vom 14. Juni 1881
vorgesehen hatte, dass die Bestimmungen des alten EHG vom 1. Juli 1875
unverändert in Kraft bleiben sollten. Nach dieser eindeutigen gesetzlichen
Regelung kann entgegen der Auffassung des Klägers keine Rede davon sein,
dass das OR die ihm widersprechenden Bestimmungen des EHG aufgehoben oder
abgeändert habe. Vielmehr bleibt das EHG in seinem Geltungsbereich allein
massgebend. Art. 41 ff. OR konkurrierend neben Art. 1 ff. EHG anzurufen,
ist ausgeschlossen (vgl. BGE 27 II 408 und dort angeführte Entscheide,
wo dieser Grundsatz für das Verhältnis zwischen dem alten OR und dem
alten EHG sowie dem Fabrikhaftpflichtgesetz ausgesprochen worden war;
statt BGE 14 S. 188 ist dort BGE 19 S. 188 zu lesen).

Erwägung 2

    2.- Art. 14 EHG, der die Verjährung der "durch dieses Gesetz
begründeten Schadenersatzklagen" zum Gegenstand hat, erklärt in Abs. 2
für den Stillstand, die Hinderung und die Unterbrechung der Verjährung
die Bestimmungen des OR als massgebend. Art. 14 Abs. 1 verweist dagegen
für die Dauer und den Beginn der Verjährungsfrist nicht auf das OR, das
in seiner heutigen wie in seiner frühern Fassung (Art. 60 bzw. Art. 69)
vorsieht, dass der Anspruch auf Schadenersatz oder Genugtuung in einem
Jahr von dem Tage hinweg, wo der Geschädigte Kenntnis vom Schaden
und von der Person des Ersatzpflichtigen erlangt hat, jedenfalls aber
mit dem Ablauf von zehn Jahren vom Tage der schädigenden Handlung an
verjährt (Abs. 1), dass jedoch dann, wenn die Klage aus einer strafbaren
Handlung hergeleitet wird, für die das Strafrecht eine längere Verjährung
vorschreibt, diese auch für den Zivilanspruch gilt (Abs. 2). Vielmehr
bestimmt Art. 14 Abs. 1 EHG abweichend hievon, dass die Klagen aus dem
EHG in zwei Jahren, welche vom Tage des Unfalls an gerechnet werden,
verjähren. Diese Bestimmung geht dem Art. 60 OR nach dem in Erwägung 1
Gesagten vor. Sie weist keine Lücke auf, zu deren Ausfüllung Art. 60
OR herangezogen werden könnte. Insbesondere lässt sich nicht sagen,
dass Art. 14 Abs. 1 EHG die Frage offen lasse, innert welcher Frist die
Ansprüche aus Schäden verjähren, von denen der Verunfallte erst längere
Zeit nach dem Unfall Kenntnis erhält (sog. Spätschäden). Art. 14 Abs.
1 bestimmt völlig klar und ohne jeden Vorbehalt, dass die durch das EHG
begründeten Schadenersatzklagen innert der angegebenen Frist verjähren, und
erfasst somit unzweifelhaft alle derartigen Klagen, auch diejenigen, mit
denen der Verunfallte einen sog. Spätschaden geltend machen will. Art. 60
Abs. 1 OR darf also auf eine Schadenersatzklage aus dem EHG selbst dann
nicht angewendet werden, wenn man es mit einem solchen Schaden zu tun
hat. Dem Kläger kann aber auch darin nicht beigepflichtet werden, dass
Art. 60 Abs. 2 OR eingreife, wenn die Bahnunternehmung für die Folgen eines
Bahnunfalls haftbar gemacht wird, der von Personen, für die sie einzustehen
hat, durch eine strafbare Handlung herbeigeführt wurde. Wie namentlich
aus Art. 1 Abs. 2 in Verbindung mit Abs. 1 und Art. 8 EHG hervorgeht,
richtet sich sie Haftpflicht der Bahnunternehmung auch dann nach diesem
Gesetz, wenn der Unfall durch sie selber oder durch ihr Personal oder
die zum Betrieb oder Bau der Bahn verwendeten Personen verschuldet
wurde. Auch die Klagen aus Unfällen, die durch eine strafbare Handlung
eines Bahnangestellten verursacht wurden, gehören folglich zu den durch
das EHG begründeten Schadenersatzklagen, für welche die Verjährungsfrist
nach Art. 14 Abs. 1 EHG ausnahmslos zwei Jahre vom Unfalltag an beträgt.

    Wenn alle Ansprüche gegen die Bahnunternehmung aus einem Bahnunfall
innert dieser Frist verjähren, kann es freilich geschehen, dass ein
Anspruch bereits verjährt ist, bevor er zur Kenntnis des Geschädigten
gelangt. Darin liegt aber nicht etwa eine Anomalie, die unter keinen
Umständen geduldet werden könnte. Dass ein Anspruch verjährt, bevor der
Gläubiger ihn kennt, kommt vielmehr auch sonst vor, da für den Beginn der
Verjährung die Kenntnis des Gläubigers vom Bestehen und von der Fälligkeit
des Anspruchs im allgemeinen nicht erforderlich ist (VON TUHR/SIEGWART,
OR, § 80 IV S. 664). Im Haftpflichtrecht lässt ausser dem EHG auch das
Elektrizitätsgesetz von 1902 (Art. 37) die Verjährung ohne Rücksicht
darauf, wann der Verunfallte vom Schaden Kenntnis erhalten hat, mit dem
Tag beginnen, an welchem die Schädigung stattgefunden hat. Das durch
Art. 128 des KUVG von 1911 aufgehobene Fabrikhaftpflichtgesetz von 1881
enthielt eine entsprechende Bestimmung (Art. 12). Ebenso verjähren die
Forderungen aus Versicherungsvertrag nach Art. 46 VVG in zwei Jahren nach
Eintritt der Tatsache, welche die Leistungspflicht begründet (vgl. hiezu
BGE 68 II 107 ff.). In allen diesen Gesetzen (die wie das EHG für die
darin geregelten Verhältnisse ausschliesslich massgebend sind) hat der
Gesetzgeber die Möglichkeit in Kauf genommen, dass ein Anspruch aus einem
Schadensereignis verjähren kann, bevor der Geschädigte den Schaden kennt.

    Richtig ist, dass die Sondergesetze über das Haftpflichtrecht im
allgemeinen die Tendenz verfolgen, dem Geschädigten eine bessere Stellung
einzuräumen, als er sie bei Anwendung der Bestimmungen des OR innehätte.
Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass anstelle des Sondergesetzes
immer das OR gelte, wenn dieses im einzelnen Fall für den Geschädigten
günstiger wäre als das Sondergesetz. Was das Sondergesetz mit Bezug auf
eine bestimmte Frage eindeutig angeordnet hat, muss vielmehr auch dann
gelten, wenn diese Anordnung mit der in andern Bestimmungen des Gesetzes
zum Ausdruck gekommenen Tendenz nicht im Einklang steht. Ebensowenig lassen
sich klare Vorschriften eines Sondergesetzes mit der Begründung beiseite
schieben, dass andere Sondergesetze über ähnliche Materien die betreffende
Frage anders regeln, was im Haftpflichtrecht hinsichtlich der Verjährung
u.a. insofern der Fall ist, als das MFG von 1932 diese im Gegensatz zum EHG
und zum ElG nicht mit dem Unfalltage, sondern wie das OR erst mit dem Tage
beginnen lässt, an dem der Geschädigte Kenntnis vom Schaden und von der
Person des Ersatzpflichtigen erhalten hat (Art. 44). Ob die Erwägungen,
die Art. 14 Abs. 1 EHG bzw. den entsprechenden Bestimmungen von Art. 10
Abs. 1 des alten EHG und Art. 12 des Fabrikhaftpflichtgesetzes zugrunde
liegen (Wünschbarkeit einer raschen Liquidation der Haftpflichtansprüche im
Interesse einer möglichst zuverlässigen Abklärung des Unfallhergangs und
einer nicht durch unbestimmte Forderungen beeinträchtigten Erstellung der
Unternehmensbilanz, BGE 15 S. 276 Erw. 5, 23 I 942 oben und 31 II 44 oben),
die in diesen Bestimmungen getroffene Regelung des Verjährungsbeginns zu
rechtfertigen vermögen, hat nicht der Richter, sondern der Gesetzgeber
zu entscheiden.

    Art. 14 Abs. 1 EHG entgegen seinem klaren Wortlaut auszulegen, ist um
so weniger angängig, als bei der Revision dieses Gesetzes im Jahre 1905 der
schon im alten EHG und im Fabrikhaftpflichtgesetz niedergelegte Grundsatz,
dass die Verjährung der aus diesen Gesetzen sich ergebenden Ansprüche auf
Entschädigung für Körperverletzung mit dem Tage des Unfalls beginnt, nicht
durch die bereits in Art. 69 aoR enthaltene, auf die Kenntnis vom Schaden
abstellende Ordnung der allgemeinen Bestimmungen des Obligationenrechts
ersetzt, sondern beibehalten wurde, obschon das Bundesgericht jenen
Grundsatz wiederholt auch auf Ansprüche aus sog. Spätschäden angewendet
hatte (vgl. BGE 15 S. 272 ff., 23 I 930 ff., bes. 942 Erw. 4).

    Bei der in Art. 14 Abs. 1 EHG ausgesprochenen Regel, dass die
Verjährung vom Unfalltag an läuft, muss es daher sein Bewenden haben,
auch wenn diese Lösung sich für den Anspruchsberechtigten hart auswirken
kann (vgl. BGE 46 II 188).

    Dem Verlust der Ansprüche aus Unfallfolgen, die sich erst nach Ablauf
der mit dem Unfall beginnenden zweijährigen Verjährungsfrist zeigen, kann
der Verunfallte dadurch einigermassen vorbeugen, dass er gegenüber der
Bahnunternehmung vor Fristablauf durch Betreibung oder Ladung zu einem
amtlichen Sühnversuch eine Forderung geltend macht, die den in diesem
Zeitpunkt erkennbaren Schaden übersteigt. Durch diese - einfache - Vorkehr
wird die Verjährung gemäss dem nach Art. 14 Abs. 2 EHG anwendbaren Art. 135
Ziff. 2 OR für den ganzen auf diesem Wege geforderten Betrag unterbrochen.
Auf gleiche Weise kann die gemäss Art. 137 OR mit der Unterbrechung neu
beginnende Verjährung zu gegebener Zeit von neuem unterbrochen werden.
(Vorbehalten bleibt im Falle der Ladung zu einem Sühneversuch die
Anwendung kantonaler Prozessvorschriften, wonach der auf diesem Wege
geltend gemachte Anspruch nach erfolgloser Klageprovokation oder von
Gesetzes wegen verwirkt ist, wenn er nicht innert einer bestimmten Frist
vor dem erkennenden Richter weiterverfolgt wird; vgl. BGE 67 II 72 Erw. 2
und GULDENER, Das schweiz. Zivilprozessrecht I 60 Ziff. 3.)

Erwägung 3

    3.- Dass der mit der vorliegenden Klage geltend gemachte Anspruch
verjährt ist, wenn mit Bezug auf die Verjährungsfrist ausschliesslich
Art. 14 EHG zur Anwendung kommt, bestreitet der Kläger mit Recht
nicht. Da sich der Unfall am 15. August 1949 ereignet hatte, lief die
Verjährungsfrist nach dieser Bestimmung bis zum 15. August 1951. Innert
dieser Frist hat der Kläger zur Unterbrechung der Verjährung des
heute eingeklagten Anspruchs nichts vorgekehrt. Selbst wenn der im
Strafurteil vom 31. Januar 1951 enthaltene Vorbehalt der Zivilansprüche der
Geschädigten darauf zurückgehen sollte, dass der Kläger im Strafverfahren
adhäsionsweise solche Ansprüche gestellt hatte, worüber die vorliegenden
Akten keinen Aufschluss geben, so wäre dies schon deshalb unerheblich,
weil die Beklagte am Strafverfahren nicht beteiligt war, so dass eine
mit dem Strafprozess verbundene Zivilklage des Klägers sich nicht gegen
sie, sondern nur gegen den angeklagten Motorwagenführer hätte richten
können. Die Forderung von Fr. 100'000.--, die der Kläger beim Sühnversuch
vom 13. August 1951 stellte, betrifft gemäss Feststellung der Vorinstanz
keine weitern als die hernach mit der gerichtlichen Klage vom 19.
Januar 1953 geltend gemachten Schadensposten, so dass dieser Sühnversuch
die Verjährung nur hinsichtlich dieser Posten, nicht auch hinsichtlich
der heute eingeklagten Schadenersatzforderung wegen Dauerinvalidität
unterbrach. Diese Forderung war also bereits verjährt, als der Kläger
am 19. Januar 1953 erstmals gerichtliche Klage erhob. Indem die Beklagte
gegenüber dem vom Kläger damals gestellten Begehren, im Urteil sei für die
Ansprüche aus einer über das Jahr 1953 hinaus dauernden Invalidität ein
Nachklagevorbehalt anzubringen, nicht die Einrede der Verjährung dieser
Ansprüche erhob, sondern jenem Begehren aus andern Gründen entgegentrat,
hat sie nicht etwa durch schlüssiges Verhalten auf die eingetretene
Verjährung der fraglichen Ansprüche schlechtweg verzichtet, womit eine
neue Verjährungsfrist begonnen hätte, sondern sie hat damit lediglich das
Risiko auf sich genommen, dass der Richter trotz dem Ablauf der durch den
Unfall in Gang gesetzten Verjährungsfrist einen solchen Nachklagevorbehalt
ins Urteil aufnehmen könnte, wozu es dann aber nicht gekommen ist. Ob die
Gründe, aus denen das Amtsgericht im Urteil vom 9. Juli 1955 den auf einen
solchen Vorbehalt abzielenden Antrag abwies, stichhaltig seien oder nicht,
und wie es sich verhielte, wenn diesem Antrag entsprochen worden wäre, hat
die Vorinstanz richtigerweise nicht untersucht, weil heute an der Tatsache
der Abweisung dieses Antrags, mit welcher der Kläger sich seinerzeit
abgefunden hat, nichts mehr geändert werden kann. Am Einwand, dass die
Beklagte die Verjährung rechtsmissbräuchlich angerufen habe, hält der
Kläger vor Bundesgericht mit Recht nicht fest, weil die Voraussetzungen,
unter denen die Erhebung dieser Einrede einen Rechtsmissbrauch bedeuten
kann (vgl. BGE 69 II 102 ff., 76 II 117 Erw. 5), hier offensichtlich
nicht gegeben sind. Diese Einrede ist also zu Recht geschützt worden.

Entscheid:

               Demnach erkennt das Bundesgericht:

    Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil der I. Kammer des
Obergerichtes des Kantons Luzern vom 24. Oktober 1957 bestätigt.